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Tschernobyl

Aus den Augen, aus dem Sinn

Sechzehn Jahre danach erinnern lediglich verkrüppelte Kinder, vergilbte Zeitungsausschnitte und polnische Pilze an den Tag, der sich als eine der verheerendsten Katastrophen unwiderruflich in die Annalen der Geschichte einbrannte.

Das unkalkulierbare Risiko Atomkraftwerk ist weiterhin ein fester Bestandteil unserer Energieversorgung. Auch ein Atomkonsens aus dem Jahre 1999 konnte dies nicht grundlegend abändern – so heißt es, dass er eher eine unverbindliche Absprache darstellt und jederzeit wieder kündbar ist. Ebenso bewies der letzte Kaffeeklatsch der Mächtigsten neulich in Johannesburg, wie problemlos man der Armut Herr werden könne: Man setze einfach auf „nachhaltige“ Energien, und zu diesen zählten - laut Kenntnisstand der sieben Mächtigsten - Kohle, Erdöl und natürlich Atomkraft. Eine weitere Rechnung der Elefanten belegt eindrucksvoll, dass zum Erreichen des Weltklimaschutzziels (Reduktion des CO2) lediglich der Anteil der Atomenergie vervierfacht werden müsste.

Hierbei traten unsere Elefanten graziös vom Regen in die Traufe: Der Atomstrom ist nämlich nicht die „heilige“, weil angeblich saubere, Energie; denn auch der Uranabbau, der nebenbei jährlich pro Reaktor etwa 100 Menschenleben kostet, und die notwendige Anreicherung setzen CO2 frei.

Desweiteren können Tausende Gegner von Castortransporten nicht irren: Der radioaktive Müll wird sorglos in alten Stollen zwischengelagert. Sollen unsere Kinder und Enkel doch sehen, wie sie damit zurechtkommen.

Kaum ein Reaktor ohne Skandale, kaum eine Energielobby, die dies nicht vertuschen oder zumindest verharmlosen will... Angefangen bei den Fehlern beim Bau, über ungenügende Wartungen, bis hin zu Sicherheitsinspekteuren der Marke „Homer Simpson“ ist der atomindustriellen Kreativität keine moralische Hürde zu hoch, kein Fettnäpfchen zu tief - jüngstes Beispiel Philippsburg: ein Reaktor, der Kritikern zufolge schon seit Jahren wegen diverser unleugbarer Mängel in den Ruhestand geschickt werden sollte... und nun vor Kurzem zum wer-weiß-wievielten Male eine fehlerbedingte Zwangspause einlegen musste.

Die Liste lässt sich beliebig verlängern, und das Gesamtbild spiegelt den wahren Charakter der Atomenergie-Branche wieder: Es geht wie so oft ganz banal und offenkundig um das möglichst profitable Geschäft. Die krampfhaften Versuche, über „Umdefinitionen“ der Bevölkerung ein Sicherheitsgefühl zu simulieren, werden auf Dauer scheitern. Ein Zwischenlager, das wie im Falle Gorleben erhebliche Sicherheitsdefizite aufweist, kann höchstens dazu dienen, das Problem auf die lange Bank zu schieben.

Sicherlich ist eine abrupte Abkehr von der Atomenergie schon aus ökonomischen Gesichtspunkten unmöglich. Die fehlende Energie ließe sich kurzfristig nur mit Aufwand kompensieren. Ein guter Lösungsansatz braucht daher einige Zeit, um wirklich effektiv sein. So sollten alternative Energien durch staatliche Programme, intensive Förderung sowie Forschung einen größeren Stellenwert erhalten, um Atomkraftwerke verzichtbar zu machen. Verschärfte Sicherheitskontrollen und das sofortige Abschalten der ältesten Atomkraftwerke wären Maßnahmen, die ohne weiteres sofort realisierbar wären. (Experten gehen von einer deutschen Energie-Überproduktion von fast 30 Prozent aus). Wenn solche Lösungsansätze beherzigt würden, sollte sich Tschernobyl nicht wiederholen. Dabei kann jeder Bürger im Rahmen seiner Möglichkeiten einen Beitrag leisten und beispielsweise ökologischen Strom kaufen oder seine Mitmenschen über das aufklären, was die Medien verschweigen, ja geradezu klein machen. Wir könnten noch so viele Schritte in die bessere Zukunft gehen, doch Tschernobyl ist unwiederbringlich.

Seine Opfer werden auf immer ungezählt bleiben.

Marco Paetzel und Thomas Bornstein

Dieser Text entstand auf einem „Medien selber machen“-Seminar. Die nächsten Termine: Donnerstag, 06.02.2003 - Sonntag, 09.02.2003; Donnerstag, 01.05.2003 - Sonntag, 04.05.2003; Freitag, 04.07.2003 - Montag, 07.07.2003; Donnerstag, 02.10.2003 - Sonntag, 05.10.2003. Mehr Infos unter www.medien-selber-machen.de oder Telefon 030/39 83 46 83.


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