Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(kr) Wo auch immer sich Menschen aufhalten, entsteht Abfall. Unwichtig, wie weit man dabei in die Vergangenheit zurückschaut. Denn selbst in prähistorischen Zeiten war das nicht anders.
Trotzdem kann man von einem Unterschied wie Tag und Nacht sprechen. Da der Mensch in prähistorischen Zeiten noch im Einklang mit der Natur lebte, konnten die meisten Abfälle der Erde auf natürlichem Wege zurückgegeben werden. Anorganische Materialien wie Scherben oder Muschelschalen lagerte man an speziellen Orten ab, wo sie sich zu eigenen Landschaftsformationen schichteten. Diese sowie Metall und Terrakotta findet man heutzutage bei Grabungen. Aber auch in der Wiederverwertung und Aufarbeitung waren die Menschen damals zum Teil schon weiter als wir es heute sind. Metallgegenstände und Werkabfälle wurden beispielsweise wieder ein- bzw. umgeschmolzen.
Aber auch noch im alten Rom achtete man auf Sauberkeit. So wurde 451 v. Chr. die Bestattung von Leichen innerhalb der Stadt aus hygienischen Gründen mit dem Zwölftafelgesetz verboten. Daraufhin entstanden Gräberstraßen vor der Stadt, später dann seuchenbegünstigende Massengruben auch wieder innerhalb der Stadtmauer.
Selbst aus dem Alten Testament und dem Koran ist zu schließen, dass sich die Menschen jener Zeit der Lebenswichtigkeit eines wachen Umweltbewusstseins, wie der Regeln der Pflege und Hygiene sehr wohl bewusst waren. Das mosaische Gesetz, das dem noch wandernden Volk gegeben wurde, schreibt beispielsweise vor: „Wenn jemand unter dir ist, der nicht rein ist, weil ihm des Nachts etwas widerfahren ist, der soll hinaus vor das Lager gehen und nicht wieder hineinkommen, bis er vor dem Abend sich mit Wasser gewaschen hat; und wenn die Sonne untergegangen ist, soll er wieder ins Lager gehen. Und du sollst draußen vor dem Lager einen Platz haben, wohin du zur Notdurft hinausgehst. Und du sollst eine Schaufel haben, und wenn du dich draußen setzen willst, sollst du damit graben; und wenn du gesessen hast, sollst du zuscharren, was von dir gegangen ist.“ (5. Mose 23/11-14)
Katastrophale Zustände herrschten dagegen im „Abfall- und Jauchekübel“ Mittelalter seit den vielen Städtegründungen in Europa um das 8. und 9. Jahrhundert. In den frühen Städten wuchs der Müllberg durch die Bevölkerungskonzentration und die Entfernung vom ländlichen Boden zu einer kaum bewältigbaren Menge an. So war es zum Beispiel 1131 in Paris üblich, jegliche Abfälle aus den Wohnungen direkt auf die Straße zu werfen, worüber sich im Besonderen Hühner, Gänse, Schweine und Co. freuten. In den Wohnungen stank es trotzdem. Die Jauchengrube befand sich nämlich zumeist im Parterre des Hauses, direkt unter Wohn- und Schlafräumen. Da das Gebälk und das Mauerwerk ungeschützt den freiwerdenden Fäulnisgasen ausgesetzt waren, kam es zu folgeschweren Überraschungen.
Der Unrat wurde auch – da umliegende Felder voll waren – gemeinsam mit Tierkadavern und Leichen in offene Gruben befördert. Diese befanden sich nicht nur vor den Stadttoren, sondern auch den Elendsvierteln. Das Mittelalter war, besonders durch die auf den abfallüberfüllten Straßen fressenden Tiere, von verheerenden Seuchen und Epidemien wie Pest und Cholera gekennzeichnet, wobei mehr Menschen ihr Leben ließen als in Kriegen und Kreuzzügen. Die großen Cholera-Epidemien, die im 19. Jahrhundert Europa heimsuchten, waren auch auf den Wasserkreislauf zurückzuführen. Abwasser konnte sich damals ungehindert ins Trinkwasser mischen. Bakterien aus den Jauchegruben wanderten ungehindert in Brunnen und Bäche. So gerieten sie in die Nahrungskette.
Im 13. Jahrhundert gab es die ersten Gegenmaßnahmen, wie z.B. die Pflasterung der Straßen. Durch den festen Belag bestand nun die Möglichkeit, die Straßen zu reinigen. Die Zuständigkeit variierte von Ort zu Ort. So sollten sich in Berlin beispielsweise oftmals die Frauen darum kümmern, später ab 1587 wurden dann Scharfrichter beauftragt. In Wien wurde aufgegriffenen Dirnen der Kopf kahlgeschoren, bevor man sie zu Säuberungsarbeiten zwang. Sie wurden später von Sträflingen unter Aufsicht altgedienter Soldaten „abgelöst“. Auch die Ankündigung des allabendlichen Entleerens des Nachtgeschirrs aus dem Fenster, damit Nachtschwärmern unangenehme Überraschungen erspart blieben, gehörte zu den ersten „Anti- Müll-Maßnahmen“ des 13. Jahrhunderts. Außerdem hatten Bewohner ihren Geruchssinn schon entsprechend urbanisiert und handelten nach der Devise „Tritt sich fest“. Die Türschwellen der Häuser wurden Generation für Generation ein Stückchen höher gebaut, während die alten in dem von ihren Bewohnern hinterlassenen Abfall und dem der folgenden Generationen verschwanden.
Der „Kampf“ gegen den Abfallhaufen wurde auch von religiöser Seite aus unterstützt. Denn die verschiedenen Religionen legten großen Wert auf die Einhaltung von Sauberkeitsvorschriften. Das Gemeinwohl könne nur durch Reinheit von Seele und Körper eines jeden funktionieren. Ein Bruch mit den Vorschriften, die z.B. zur Teilnahme an Reinigungszeremonien verpflichteten, konnte bis zum Verlust des Bürgerrechts führen.
Ein wirksamer, aber sehr langsamer Wandel vollzog sich jedoch erst ab dem 16. Jahrhundert. So erließ der Hohe Senat Hamburgs im Jahre 1560 eine Verordnung zur Beseitigung des Unrats. Damit wurden alle Einwohner verpflichtet, mindestens viermal im Jahr Gerümpel, Tierkadaver und jeglichen Abfall von den Grundstücken zu entfernen und auch alle Straßen und Plätze zu reinigen, was später dann den Strafgefangenen zur Aufgabe wurde. Bald darauf ordnete der große Kurfürst Johann Georg von Brandenburg 1583 für Berlin an, dass auch hier jegliche Höfe und Plätze der Stadt reinlich zu halten seien.
Mit der „Gassendeputation“ von 1611 wurde erstmals die Abfallbeseitigung in den Verantwortungsbereich der öffentlichen Hand gelegt. Dreckführer wurden ernannt, die die geregelte Abfuhr des Mülls unternahmen. Dieses Hamburger Prinzip hatte bis ins 19. Jahrhundert Bestand. 1660 wurde dann die „Brunnen- und Gassenverordnung“ in den beiden Residenzstädten Berlin und Cölln erlassen. Außerdem durften Tiere auf öffentlichen Straßen und Plätzen nicht mehr gefüttert werden, und man ernannte einen Gassenmeister (1666), der gegen Bezahlung die Zuständigkeit für den Abtransport von Müll und Unrat übernahm.
Um Berliner Bürger zur Reinlichkeit zu erziehen, befahl König Friedrich Wilhelm I. dem Berliner Militär, die Unrathaufen, die sich auf den Straßen angesammelt hatten, wieder zurück in die Wohnungen zu schaufeln – dahin, wo sie herkamen. Als erste Vorstufe der Deponierung wurden am Ende des 19. Jahrhunderts gemeindeeigene Ablagerungsflächen für sämtlichen Müll zur Verfügung gestellt. 1887 richtete die Stadt Berlin drei kontrollierte Gemeindemüllplätze ein, die von der kommunalen Verwaltung überwacht wurden. Noch vor der Jahrhundertwende folgte schließlich der Bau von Müllverbrennungsanlagen – 1876 in England und 1896 in Hamburg –, die auch heute noch Dreck ausstoßend gegen unnötig gewordene Müllberge der Wegwerfgesellschaft ankämpfen.
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