Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(kr) Es wird schon wieder dunkel. Nein, es ist heute gar nicht erst hell geworden. Ich steige entnervt aus der S-Bahn. Den letzten Teil meiner Bahnfahrt wurde ich unterhalten. Unfreiwilligerweise. Meine Sitznachbarin erzählte ihre vollständige Lebensgeschichte, intimste Geheimnisse nicht ausgelassen. Person „Unbekannt“ am anderen Ende kam kaum zu Wort, denn sie plärrte – trotz drohender Blicke meinerseits – pausenlos und unbehelligt in ihr Handy.
Nun stehe ich ganz starr auf dem Bahnhofsvorplatz, versuche mich von dieser äußerst anstrengenden Fahrt zu regenerieren. Ich hole tief Luft, bekomme einen Hustenanfall. Grund: ein Motorradfahrer startet „rücksichtsvollerweise“, genau abgepasst auf den Beginn meines Inhalierens und direkt vor mir stehend, seinen Motor und drückt ordentlich auf die „Tube“. Ich schreie ihm halblaut schlimmste Schimpfwörter hinterher, aber er ist schon längst über alle Berge.
Als ich mich dem Fahrradabstellplatz nähere, fliegen mir schon aus der Ferne wieder die gelben Zettel entgegen. Lesen brauche ich sie nicht mehr. Ich kenne den Text schon fast auswendig: „Wollen Sie 5 Kilo oder sogar mehr abnehmen? Ich helfe Ihnen gern dabei. Rufen Sie mich an unter...“ Jedes Mal nehme ich mir vor, diese Person wahrhaftig anzurufen, um endlich loszuwerden, was mir schon so lange auf der Zunge brennt. Dass nämlich niemand, der ihren Schriebs an seinem Fahrrad vorfindet, ihre dämliche „Aufforderung zum Tanz“ annimmt, aufnimmt, abnimmt oder gar mit nach Hause nimmt. Stattdessen ist nach jeder ihrer sinnlosen Werbungs- bzw. Verzweiflungsaktionen der gesamte Bahnhofsvorplatz von gelben Zetteln übersät. Natürlich, wie sollte es auch anders sein, erbarmt sich niemand, diese zu entsorgen, wie es jedoch dringend notwendig wäre. So latschen Passanten die Fetzen noch tiefer in den Schlamm. Was bleibt ihnen auch anderes übrig?
Ich nähere mich der Stelle, an der ich am Morgen mein Fahrrad angeschlossen hatte. Und schon begegnet mir der nächste „Hammer“. Ein junger Mann, der sich wohl soeben eine Schachtel Zigaretten gekauft hat, öffnete diese und schmeißt bei der Gelegenheit gleich sämtliche Teile der Verpackung auf den Boden vor meine Füße. Die Zigarette wird angezündet und schon startet die erste Spuckaktion – wohlgemerkt vor meinen Füßen! So viel Dumm- und Frechheit begegnet einem heutzutage nicht etwa „seit langen nicht mehr“, sondern es gehört schon fast zum Alltag, dem alltäglichen respekt- und bedachtlosen Umgang mit Mitmenschen und Umwelt. Es kann mir ja auch egal sein, wie der andere sich in meiner Umgebung fühlt. Hauptsache, die Leute benehmen sich mir gegenüber anständig, freundlich, respektvoll, vorbildlich, und vor allem tolerant.
Am liebsten hätte ich diesen gedankenlosen „Möchtegern-Coolman“ am Ärmel gegriffen, ihn aufgefordert, seinen Müll aufzuheben und wäre dann mit ihm zum drei Meter entfernten Mülleimer gegangen. Dabei hätte er hochrot anlaufen und unter den Blicken der vorübergehenden Passanten einen Meter in sich zusammenschrumpfen müssen. Stattdessen habe ich mich nicht mal getraut, ihm ebenfalls vor die Füße zu spucken. Auch nicht, ihn angewidert anzugucken, geschweige denn, ein Wort über die Lippen zu bringen, was eigentlich nicht nur mein gutes Recht, sondern auch meine Pflicht gewesen wäre – sozusagen im Auftrag der Umwelt. Zu meiner Verteidigung muss ich jedoch hervorbringen, dass ich in solchen Momenten so perplex und verständnislos bin, dass ich nur noch stottern würde, sollte ich es auf einen Versuch ankommen lassen.
Kaum habe ich mich von diesem Schrecken erholt, mache ich mich nun schnellen Schrittes auf zu meinem Fahrrad, um den Ort des Grauens in Windeseile zu verlassen. Anscheinend habe ich vergessen, an welcher Stelle ich es am Morgen verlassen hatte. Dabei versuchte ich doch, es mir unbedingt zu merken. Ich klappere jedes Fahrrad ab. Meins ist nicht dabei. Dann muss ich eben laufen. Man hat mir wieder mal das Fahrrad geklaut.
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