Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
Es war einer dieser netten Sommerabende, und ich saß mit meinen Eltern im Garten auf der Terrasse. Die Teller waren schon lange leer. Alles, was vom Essen übrig geblieben war, war das Gespräch. Man saß noch ein bisschen zusammen, tauschte sich über den Tag aus, erzählte von gemeinsamen Bekannten – das Übliche halt. Mit meinen Gedanken war ich schon auf dem Weg zum Bett und hatte inzwischen die Phase erreicht, in der ich dem Gespräch nur noch mit einem Ohr folgte und in regelmäßigen Zeitabständen meinen Grunzlaut dazu beitrug. Welch angenehmer Ausklang des Tages.
Des Tages, den man, wie ich dann feststellen durfte, nicht vor dem Abend, bzw. vor dem endgültigen Im-Bett-liegen, loben sollte. Ich hatte gerade einen leichten Anflug von Gähnen erfolgreich unterdrückt, als eine achtlos dahingeworfene Bemerkung meines Vaters mich fast an diesem Gähnen verschlucken ließ: „Der ist ja nicht normal.“
Natürlich ist das ein Satz, den etwa jeder Zweite im Verlauf eines langen Tages zu irgendeinem Anlass von sich gibt. Ist ja auch nicht böse gemeint, in den meisten Fällen und von diversen NPD-normal, nicht schwul-Werbeplakaten und Ähnlichem erst mal abgesehen.
Leider gibt uns aber keiner die Gewähr, dass so etwas von uns nicht negativ Gemeintes in den Ohren des Betroffenen nicht doch abwertend angelangt, egal, ob er direkt oder indirekt davon erfährt.
Und unpraktischer Weise ist auch die Wahrscheinlichkeit eines solchen Missverständnisses nicht gerade gering.
Die Ursache dafür liegt wohl darin, dass der Mensch ein Herdentier ist. Er hat das Bedürfnis nach sozialer Integration. In dem Moment also, in dem die Wortkombination nicht + normal im Bezug auf ihn erwähnt wird, definiert das erstens eine Norm unter den Menschen, die wohl nach einem sehr mysteriös wirkenden System aus der Mehrheit abgeleitet wird und diese somit als bestimmte Gruppe festlegt. Zweitens definiert er den „Unnormalen“ als klaren Außenseiter, was natürlich nicht sonderlich gut mit seinem Bestreben nach sozialer Integration unter einen Hut zu bringen ist und ihn diese Aussage nun aller Wahrscheinlichkeit nach als negativ bewerten lässt. Er fühlt sich beleidigt, diskriminiert und verletzt. Zahlen belegen, dass die Selbstmordrate bei Homosexuellen überdurchschnittlich hoch ist, und das, obwohl heute nur noch wenige Leute wirklich abwertend über sie reden. Trotzdem bezeichnet sie nahezu jeder als nicht normal und stützt diese Aussage im harmlosesten Fall auf die Idee, Gott habe die Menschen anders veranlagt, damit sie sich fortpflanzen. Vielleicht hat er sich aber genauso gedacht, der Überbevölkerung entgegenzuwirken, indem er Menschen erschafft, bei denen diese Gefahr nicht gegeben ist, die aber trotzdem das Glück der Liebe empfinden und ausleben können. Niemand käme auf die Idee, von einer Frau, die keine Kinder zur Welt bringen kann, zu behaupten, sie sei nicht normal. Im Gegenteil hat jeder Mitleid.
Ähnliches gilt für geistig und körperlich behinderte Menschen. Wer will eine Grenze ziehen, die besagt, ab welcher Verletzung man gerade noch normal ist und ab welcher genau nicht mehr? Wie weit müssen die geistigen Fähigkeiten einer Person vermindert sein, damit sie (im Gegensatz zu jemandem, dessen Potential um ein Minimum größer ist) aus der Norm ausgeschlossen wird?
Woher könnte irgendjemand die Gewissheit haben, welche Religion als normal und welche als nicht normal einzustufen ist? Ist unsere Religion normal, weil sie halt unsere, vielleicht, weil sie die logischste ist?!
Viel zu viele Menschen wurden und werden umgebracht, ob von eigener oder fremder Hand, weil die Menschheit irgendwann begann, den Begriff der Normalität auf sich selbst, auf Individuen zu übertragen. Allein vor diesem Hintergrund sollte es eigentlich jedem denkenden Wesen, das mit genügend Informationen versorgt ist, einfach zuwider sein, dieses Denken aufzugreifen.
„Aber damit bringe ich doch keinen um“, lautete in den meisten Fällen die Reaktion auf diese Überlegung. Man könnte aber natürlich den Sachverhalt auch andersherum betrachten: Es wird erst dann kein Mensch mehr durch die Auswirkungen dieses Kastendenkens sterben, wenn die Menschheit diese Definition endgültig „in den Papierkorb verschoben“ haben und diesen dann optimaler Weise gleich löschen, um es zukünftigen Generationen von vorne herein leichter zu machen.
Vielleicht wird es nie zur vollständigen Besinnung kommen. Aber jeder kann sein Verhalten ändern und damit sein ganz eigenes Stück zur Weltverbesserung beitragen. Wenn dadurch auch nur ein einziges Menschenschicksal glücklicher verläuft, hat es sich schon gelohnt.
Wir müssen dafür alle an uns arbeiten, und das lässt sich bestimmt nicht von heute auf morgen umstellen. Aber in dem Moment, in dem wir uns als Individuum begreifen und unvoreingenommenes Interesse für unsere Mitmenschen entwickeln, ist der Grundstein dafür gelegt.
Christina Stark
Dieser Text entstand auf dem „Medien selber machen“-Seminar. Die nächsten Termine: Donnerstag, 06.02.2003 – Sonntag, 09.02.2003; Donnerstag, 01.05.2003 – Sonntag, 04.05.2003; Freitag, 04.07.2003 – Montag, 07.07.2003; Donnerstag, 02.10.2003 – Sonntag, 05.10.2003. Mehr Infos unter www.medien-selber-machen.de oder Telefon 030/39 83 46 83.
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